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#03 Van: Wolle, Uraträer und Schafhoden

#03 Van: Wolle, Uraträer und Schafhoden

Mein Erfahrungsbericht über die Reise in den wilden Osten der Türkei

 

Erholt starten wir nach dem Aufstehen und erspähen nach ein paar Minuten Fahrt einige Frauen, die wie wild mit Holzstäben auf etwas einschlagen - meine Neugier ist geweckt. Wir halten an und grüßen die Arbeiterinnen freundlich. Sie willigen sofort ein, dass ich ihr Tun festhalten darf und erklären uns, dass Sie Wolle für den privaten Gebrauch herstellen: Hierfür weichen sie die Wollfasern in Seifenlauge ein und klopfen anschließend das Gemenge. Aus den Fasern wird in Folge Garn gewonnen und zur Herstellung von Textilien verwendet. Während ich das Geschehen ablichte, tauchen ein paar Kinder auf, die mindestens so neugierig auf mich sind, wie ich auf die arbeitenden Damen. Ich werde gebeten Aufnahmen von ihnen zu machen und walte meines Amtes. Die Szenerie wirkt äußerst surreal auf mich und ich kann immer noch nicht wirklich fassen, dass ich in Van - ca. 100km von der Iranischen und ca. 200 km von der Irakischen Grenze entfernt - bin.

 

Wir gehen erstmals auswärts Mittagessen. Ein kleines, unscheinbares Restaurant ist die Wahl meiner Gastgeber: Die Speisekarte ist nicht lange und besteht zum größten Teil aus Fleischgerichten - ich bin begeistert. Delikatesse des Hauses: Schafhoden (beim Gedanken an den Verzehr ziehen sich ruckartig einige meiner Körperregionen zusammen – und nein, es ist nicht die Stirn). Leider gibt es keine Hoden mehr - auch nicht beim nächsten Besuch. Dafür Leber - und davon reichlich. Die Bestellten Speisen bringt der Koch höchstpersönlich. Einzige Krux: Er nimmt ein Stück Fleisch vom Grillspieß und reicht es mir zum Mund. Plötzlich steht die Zeit still: Wie bewältige ich die Situation, ohne unhöflich zu sein? Schließlich nehme ich das Stück Fleisch aus seiner Hand und esse es. Der ausgezeichnete Geschmack lässt die befremdlich wirkende Geste vergessen. Mein Reisepartner aus Wien schaut mich an und fragt mich grinsend, wer von uns beiden der Türke sei. Ich bin mir nicht sicher: Wohl fühle ich ich alle mal und genug Zeit für das Eintauchen in die Kultu habeichauch. Eins kann ich definitiv sagen: Am Ende meines Aufenthalts werde ich so viele tolle Menschen und kulturelle Eigenschaften kennengelernt haben, die mir im Westen schmerzlich fehlen werden.

Satt und glücklich fahren wir weiter zur urartäischen Festung Van Kalesı, die aus dem 7. J. v. C. stammt. Die Ruine wurde in den vergangenen Jahren, wie man mir sagt, mit viel EU-Geld renoviert und tourismustauglich gemacht. Vor nicht allzu langer Zeit, erfahre ich, gab es keine Parkwächter und keinen Zaun: Stattdessen Müll, streunende Tiere und dubiose Gestalten, die nachts ihr Unwesen trieben. Bei unserer Ankunft sind nur ein Bus und einige wenige Autos zu sehen - ansonsten gehört der Ort uns. Wir machen uns auf und erklimmen die steinerne, 250m hoch gelegene Anlage, von der aus wir die gesamte Region überblicken können: See, Berge und die Stadt. Das Panorama ist unglaublich. Die Sonne geht unter. Ich möchte bleiben, doch die Verabredung zum Abendessen ruft.

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